Silvana Denker: „Wir sind immer noch Models zweiter Klasse“

Silvana Denker gehört zu den bekanntesten Plus Size Models Deutschlands. Von Ulla Popken bis Doris Megger – die 31-Jährige stand bereits für die bekanntesten Übergröße-Marken und Retailer vor der Kamera. Mit anbou sprach sie über ihre Karriere, #Bodylove und die Herausforderungen des (Plus-Size-)Modelns.

Wir treffen uns in der Nähe von Köln, vor meinem Lieblingsrestaurant. Silvana ist heute für ein TV-Interview in die Domstadt gekommen, auf dem Heimweg legt sie extra einen Zwischenstopp für mich und unseren neuen Blog anbou ein.

Lange dunkle Mähne, braune Knopfaugen und einen Schmollmund – Silvana erkenne ich bei meiner Ankunft auf den ersten Blick. Sie ähnelt dem Schneewittchen, das Cosma Shiva Hagen in „7 Zwerge“ spielte. Wir begrüßen uns herzlich. Silvana ist genauso sympathisch wie am Telefon, stelle ich fest.

Alles begann mit einem Contest von Ulla Popken

Foto: Label Doris Megger
Foto: Label Doris Megger

Wir sind heute Abend die ersten Gäste im „El Loco“ und suchen uns einen gemütlichen Platz hinter der Theke aus, wo wir ungestört quatschen können. In alter Journalistenmanier habe ich mir vorab ein paar Fragen überlegt, die ich unbedingt stellen möchte. Dazu komme ich aber gar nicht – die 31-Jährige erzählt sehr freimütig – und vor allem ehrlich. Das finde ich beeindruckend.

„Vor ein paar Jahren hatte ich mit einer Essstörung zu kämpfen, Binge-Eating. Ich aß immer weiter, obwohl ich satt war“, erzählt die studierte Fotografin. Aus Konfektionsgröße 38 wurde bei ihr in kürzester Zeit eine 48/50. Sie fühlte sich schlecht und unwohl in ihrer Haut. Dann kam der Wendepunkt: Sie speckte ab. Und eher zum Spass nahm sie an einem Plus-Size Model-Contest von Ulla Popken teil und schaffte es völlig unerwartet ins Finale des Wettbewerbs. Der Beginn ihrer bis heute anhaltenden Karriere als Plus Size Model, die erst so richtig Fahrt aufnahm, als sie etliche der angefutterten Kilos wieder verlor. „Heute sind immer öfter Plus Size Models in Größe 46 und 48 gefragt. Das war vor ein paar Jahren noch anders, da hatte man bessere Karten mit Konfektionsgröße 42/44. Deswegen musste ich erst abnehmen, um gut gebucht zu werden“, erklärt sie mir.

Ihr erstes großes Shooting führte sie gleich nach Los Angeles, viele weitere folgten Schlag auf Schlag. Ob für navabi oder Doris Megger – mittlerweile stand Silvana für so ziemlich jede bekannte Plus Size Marke in Deutschland vor der Kamera.

Was verdient ein Plus Size Model eigentlich?

Das Restaurant wird langsam voller. Am Nebentisch sitzen ein paar ältere Herrschaften, die hin und wieder ein paar neugierige Blicke auf uns werfen. Silvana erzählt mir derweil, dass sie vor Jahren einmal eine Ausbildung als Krankenschwester begonnen hatte. Aber schnell merkte sie, dass die medizinische Karriere nichts für sie ist. Die Ausbildung brach sie zugunsten eine Studiums im Bereich Fotodesign ab. Sie ist also nicht nur ein begehrtes Model, sondern steht als Portrait- und Fashion-Fotografin auch regelmäßig hinter der Kamera.

Foto: Carmakoma by Lars Wahl
Foto: Carmakoma by Lars Wahl

Das führt mich zu einer Frage, die sicher viele junge Frauen interessiert, die über das Plus-Size-Modeln nachdenken: Braucht man als Plus Size Model noch ein zweites berufliches Standbein? Was verdient man in der Branche eigentlich? „Das hängt ganz vom Auftraggeber ab. Für Shootings fangen die Tageshonorare bei 500 Euro an, das betrifft vor allem Shootings für Online-Shops. Katalogshootings werden deutlich besser bezahlt, Modeschauen hingegen schlechter“, rechnet Silvana mir vor. Davon wird man nicht reich, stelle ich fest. „Aber wer viel gebucht wird, kann gut davon leben, oder?“ – Silvanas Antwort ist eher ernüchternd: „Die meisten Models haben auch noch eine Agentur im Rücken, die die Shootings und Aufträge erst ermöglicht. Die wollen auch teilweise bis zu 25 Prozent des Honorars. Und nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleibt dann gar nicht mehr viel zum Leben übrig“, ergänzt sie. Puh, das ist hart und ein zweiter Beruf neben dem Modeln sicher sinnvoll.

2015 war nicht Silvanas bestes Jahr

„Es ist nach wie vor so, dass wir als Models zweiter Klasse wahrgenommen werden“, ärgert sich Silvana. Nach wie vor glauben viele, dass Plus Size Models nicht auf ihre Figur achten müssten, essen könnten, was sie wollten. „Dem ist aber nicht so. Auch bei uns sind Sport und Disziplin wichtig.“

Vor unserem Treffen habe ich in der SWR Mediathek ein Porträt über Silvana gesehen („Prinzessin in Übergröße“, wirklich sehenswert!). Mich hat dort beeindruckt,, wie offen und ehrlich sie vor der Kamera über sich spricht – auch über persönliche Dinge, die manch einer nicht einmal seinen Freunden offenbaren würde. In dem TV-Stück wird auch klar: Für Silvana war 2015 nicht das beste Jahr ihrer Karriere. Eine dringende Knie-OP hatte sie monatelang außer Gefecht gesetzt. Bett statt Laufsteg.

#Bodylove erobert die Welt

Silvana Denker Plus Size Model im anbou Interview
Foto: Nadja Moutevelidis

Und jetzt? Silvana hat sich längst zurückgeboxt in den Beruf. Und nicht nur das: Mit ihrer Ende 2015 gestarteten #Bodylove Kampagne hat sie ein Ausrufezeichen gesetzt für Körpervielfalt und Selbstliebe. Nur in Unterwäsche begleitet, lichtet sie als Fotografin Frauen – und Männer! – jeder Konfektionsgröße in deutschen Einkaufsstraßen ab. Die Aktion ist längst zu einem medialen Selbstläufer geworden – vom People Magazin bis zur Elle, von den USA bis Frankreich berichten Frauenmagazine weltweit über Silvanas Kampagne. „Als nächstes würde ich gerne mit #Bodylove im Ausland touren. Als erstes stehen London und Paris auf dem Plan“, verrät sie mir. Man darf gespannt sein, wohin sich ihre Kampagne noch entwickeln wird.

Der unterhaltsame Abend fliegt so dahin. Langsam wird es Zeit für einen Abschied, Silvana muss vor dem Schlafengehen noch für #Bodylove arbeiten. Wir verabschieden uns. Und ich bin jetzt schon gespannt, was wir im Jahr 2016 noch ihr hören werden.

 

Bildnachweis Titelbild:
Foto Silvana im roten Tuch (Hintergrund oben): Christian Lauer

Anna

Gründerin anbou

Viele Jahre habe ich mit mir und meiner Figur gekämpft. Heute ist Plus-Size ein Teil von mir, zu dem ich offen stehe. Für schöne, feminine Mode habe ich schon immer eine große Schwäche gehabt. Ich liebe kräftige Rottöne, taillierte Kleider und weiche Pastelltöne. Mit anbou will ich andere Frauen dazu ermutigen, zu sich und ihrer Figur zu stehen. Schönheit kennt keine Größe! Ihr wollt mit mir in Kontakt treten? Schreibt mir einfach an peters@anbou.de.

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