Raus aus der Nett-Falle

Ich bin zu nett. Ich und viele, viele andere Frauen, die ich kenne. Für unsere Umwelt ist das phantastisch, denn sie bekommt stets, was sie von uns verlangt. Für uns „Zu-nett-Frauen“ aber ist das eine echte Falle, aus der wir uns ganz schnell befreien sollten. Ich habe damit schon einmal angefangen – wer macht mit?

„Kannst du mich mit deinem Auto zum Arzt fahren?“ Eigentlich kein Problem, ich helfe gerne. Aber die Person, die die Frage stellt, wohnt 30 -40 Fahrminuten entfernt und ihr Arzt direkt bei ihr um die Ecke. Früher hätte ich mich innerlich geärgert, mich gefragt, warum man nicht eben fünf Euro in ein Taxi investiert, statt jemanden zu fragen, der dafür ein paar Stunden Urlaub nehmen müsste. Das steht in keinem Verhältnis. Und obwohl ich mich geärgert und alles in mir „Ich will nicht“ geschrien hätte – folgende Antwort hätte ich gegeben: „Ja, das kann ich machen. Ich muss zwar eigentlich auch arbeiten, so richtig passt es nicht. Aber wann soll ich da sein?“

Ich will die Welt glücklich machen

Ich bin zu nett. Das ist tief in mir drin. Dieses Bedürfnis, Harmonie zu stiften und die Welt um mich herum glücklich zu machen. Dabei vergesse oder ignoriere ich gerne, was ICH eigentlich will. Oder eben nicht will. Wenn alle Menschen genauso funktionieren würden, wäre das kein Problem. Dann gäbe es nur noch Friede, Freude, Eierkuchen. Die anderen würden dann ja für mich an mich denken. Aber natürlich ist das nicht so. Wer viel zu lieb und nett ist, läuft Gefahr, zum Spielball der anderen zu werden. Im Extremfall wird man ausgenutzt und irgendwann nicht mehr ernst genommen.

Sei Pippi nicht Annika
Sei Pippi nicht Annika.
Foto: 2xSamara.com/shutterstock.com

Ich weiß aus vielen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Freundinnen, dass das ein typisches Frauenverhalten ist. Angepasst sein, nicht negativ auffallen, hilfsbereit sein, gemocht werden. Ob wir Frauen dafür eine gewisse biologische Veranlagung haben oder ob das allein ein hausgemachtes Problem in der Erziehung und Sozialisation von Mädchen ist – das kann ich nicht beantworten. Aber ich bin mir ganz sicher, dass die Erziehung hier eine große Rolle spielt. Lieb sein, vernünftig sein, nicht vorlaut oder aufmüpfig sein – das habe ich schon Zuhause gelernt. Und ich bin mir ganz sicher, dass meine Mama und ihre Mama das so auch schon gelernt haben.

Bitte versteht mich nicht falsch – es ist wichtig, lieb sein zu können. Wenn ich einmal Kinder habe, sollen sie auch zu sympathischen und freundlichen Heranwachsenden werden, die hilfsbereit sind. Aber ich will sie ebenso dazu ermutigen, ihre eigenen Grenzen zu ziehen. Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht möchten. Klare Kante zu zeigen. Darüber stehen, was andere von ihnen denken.

„Sei Pippi – nicht Annika“

Die Nett-Falle versuche ich heute hinter mir zu lassen. Immer wieder arbeite ich an mir und lerne „Nein“ oder „Stopp“ zu sagen. Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen.

Zum Beispiel letztens, im Urlaub. Da standen mein Mann und ich mit mehreren Koffern und warteten auf den Aufzug nach unten. Wir waren als erste da und haben auch den Aufzug gerufen. Während wir warteten, kamen erst drei junge Frauen mit Koffern. Und danach ein älteres Paar ohne Gepäck. Als die Aufzugtür aufging, war direkt klar – alle passen nicht rein, der Aufzug war fast vollbesetzt. Wie selbstverständlich will das Pärchen, das zuletzt und ohne Gepäck kam, an mir vorbei und in den Aufzug. So als wäre ich gar nicht da. Und da habe ich laut und deutlich „STOPP!“ gesagt. Die Frau und der gesamte Aufzug starrten mich an. „Wir warten schon länger und haben schweres Gepäck. Das ist unser Platz!“ Die Frau wich betreten zurück und ließ uns in den Aufzug. Ich weiß, dass mich jeder angestarrt hat. Und dass sicher einige gedacht haben, dass ich eine unhöfliche Zicke sei. Meinem Mann war das peinlich (er ist übrigens auch zu nett für diese Welt). Aber das war mir in dem Moment egal. Ich habe mich richtig gut gefühlt, weil ich meinen Ärger nicht runtergeschluckt habe. Und mir die Dreistigkeit meiner Mitmenschen nicht habe gefallen lassen.

„Sei Pippi, nicht Annika“: In diesem Leben werde ich sicher keine freche und vorlaute Pippi-Langstrumpf mehr. Das passt einfach nicht zu meinem Naturell. Aber ich bin heute als 30-Jährige auch nicht mehr so lieb und angepasst wie Pippis Freundin Annika.

Anna

Gründerin anbou

Viele Jahre habe ich mit mir und meiner Figur gekämpft. Heute ist Plus-Size ein Teil von mir, zu dem ich offen stehe. Für schöne, feminine Mode habe ich schon immer eine große Schwäche gehabt. Ich liebe kräftige Rottöne, taillierte Kleider und weiche Pastelltöne. Mit anbou will ich andere Frauen dazu ermutigen, zu sich und ihrer Figur zu stehen. Schönheit kennt keine Größe! Ihr wollt mit mir in Kontakt treten? Schreibt mir einfach an peters@anbou.de.

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