Plus Size Fashion: „Es fehlt der Mut zur Mode“

Ein Blick hinter die Kulissen der Modeindustrie: Cornelia Görz arbeitet seit über 25 Jahren in der Textilindustrie, seit fünf Jahren ist sie zusammen mit Marion Schlaphof Inhaberin der Plus Size Boutique Kurvenhaus in Hamburg. Im Gespräch mit Anna gewährt sie den anbou-Leserinnen Einblicke in die Fashionindustrie und erzählt, warum für viele Label Übergröße nach wie vor ein Tabu ist. Außerdem verrät sie uns die schönsten Plus Size Mode-Trends 2016.

Marion Schlaphof und Cornelia Görz Kurvenhaus
Unternehmerinnen Marion Schlaphof (l) und Cornelia Görz (r)
Anna: Wie ist die Idee zum Kurvenhaus entstanden?

Cornelia Görz: Marion Schlaphof und ich arbeiten schon seit über 25 Jahren in der Textilindustrie. Wir haben uns 1988 in Hamburg kennen gelernt und seitdem haben sich unsere Wege immer wieder gekreuzt. Mit den Jahren hat sich eine Freundschaft entwickelt und irgendwann erzählte Marion mir dann, dass sie sich auch eine Selbständigkeit gut vorstellen könnte. Wir haben über dieses Thema immer mal wieder gesprochen und 2010 war es dann soweit. Alle Voraussetzungen haben gestimmt und wir haben begonnen, unsere Pläne umzusetzen und ein Geschäft für Plus Size Größen eröffnet.

Bei meinem damaligen Arbeitgeber hatten wir eine große, stark frequentierte Abteilung für Plus Size Fashion. Den fand ich damals schon spannend. Ich sah die Kundinnen, die glücklich über die modische Plus Size Kleidung waren und so wuchs die Idee in uns.

Dann haben wir recherchiert und schnell festgestellt, dass Plus Size Fashion im deutschen Markt eine riesengroße Lücke ist. Wir sind auf Reisen gegangen, haben uns viele der vorhandenen Flächen in Deutschland angesehen und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass der stationäre Einzelhandel nicht gut mit den Frauen in großen Größen umgeht.

Also haben wir uns ein Ladenlokal gesucht und sind auf Modemessen gefahren, um uns Plus Size Fashion anzusehen.

Anna: Und wie war dort ihr Eindruck von der Auswahl an Plus Size Fashion?

Cornelia Görz: Wir sind mit dem Ziel gestartet, sportive und tragbare Mode zu verkaufen – casual . Wir wollten einen alterslosen Look verkaufen, der uns auch selbst gefallen würde. Aber dann kam die Realität. (lacht).

Auf Messen haben wir uns vieles angesehen – und auch einiges gefunden, das wir gerne in unser Sortiment aufgenommen hätten. Und es folgte die Ernüchterung bei der Frage nach der Größenauswahl: „Bis zu welcher Größe produzieren Sie? – . „XL“ – „Was ist bei Ihnen XL?“ – „Größe 42. Bis wohin brauchen Sie die Ware denn?“ „Wir fangen bei Größe 42 erst an.“ Die Reaktion war dann fast immer dieselbe: „Nein, größer produzieren wir nicht – aber Übergröße ist ein toller Markt, aber nicht für uns.“

Anna: Da frage ich mich doch– warum?

Cornelia Görz: Es ist schwierig, weil man ab Größe 44 einen völlig neuen Schnitt aufsetzen muss. Das gleiche muss man auch wieder ab Größe 48 machen. Bei den kleineren Größen ist das einfacher, da addiert man einfach mit wachsender Größe ein paar Zentimeter Stoff dazu. Dann passt das in den Proportionen. Bei einer Plus Size Frau geht das nicht, weil es vom Figurtyp abhängt. Zum Beispiel: Es gibt Plus Size Frauen mit großer Oberweite, dann nimmt die Oberweite viel von der Länge und Breite weg. Der nächste Knackpunkt ist der Oberarm, der muss über Größe 42 auch weiter ausfallen. Das bedeutet natürlich sehr viel mehr zusätzliche Arbeit.

Es gibt aber Firmen, die sich auf das Produkt spezialisiert haben, z.B. Zizzi in Dänemark, für sie ist das kein Problem.

Anna: Mit welchen Marken haben Sie das Kurvenhaus gestartet?
Foto: Plus Size Mode Kurvenhaus
Foto: Kurvenhaus

Cornelia Görz: Angefangen haben wir mit Zizzi, die ihre Ware bis Größe 54 anbietet. Sportalm, Tuzzi , MYBC, Laurie und NYDJ. Auf Messen sind wir von Stand zu Stand gegangen und haben versucht, unsere Ideen von schöner, sportiver Mode für Plus Size umzusetzen. Ein großes Problem war es, coole Hosen zu finden. Wir hatten damals nur zwei Hosen-Lieferanten im Angebot – eine sehr modische Hose von NJDY, die Marion und mir richtig gut gefiel, und dann noch ein schlichteres Model von Lauri. Wir waren uns sehr sicher, dass unsere Kundinnen sich auf die tollen modischen Hosen stürzen würden. Es kam aber anders. In unseren Verkaufsgesprächen hat sich gezeigt, dass den Frauen der Mut gefehlt hat, etwas Neues auszuprobieren. Es hat viel Überzeugungsarbeit gekostet. Heute sind unsere Frauen aufgeschlossen für Mode und sie sind auch mutiger geworden.

Anna: Woran liegt es, dass viele Marken bei Größe 44 oder 46 enden?

Cornelia Görz: Dafür gibt es sehr unterschiedliche Gründe. In Ländern wie Spanien und Italien schauen die Produzenten natürlich auf ihre heimischen Kundinnen und die sind in der Tendenz nun einmal klein und zierlich. Bei deutschen Lieferanten ist es im Premium-Segment oft so, dass die Designer das nicht wollen. Sie können und wollen sich ihre Mode ab Größe 44 oft nicht mehr vorstellen. Da sind sehr viele Vorurteile dabei – kurvige Frauen sind nicht mehr in ihrem Fokus. Obwohl allen durchaus bewusst ist, dass der Plus-Size Markt eine ernstzunehmende Marktlücke ist.

Ein weiteres Argument ist die Preisgestaltung. Mehr Stoffeinsatz kostet natürlich auch mehr Geld. Das ist aber für unsere Kundinnen nicht das Hauptaugenmerk. Im Fokus steht die modische Aussage der Kleidung und erst dann entscheidet die Kundin, ob der Preis auch angemessen ist. Diese Entscheidung trifft die Kundin, nicht wir und auch nicht der Lieferant.

Anna: Mittlerweile haben Sie ein eigenes Label Kurvenhaus. Wie kam es zu diesem Schritt?
Foto: Kurvenhaus
Foto: Kurvenhaus

Cornelia Görz: Wenn man lange nach bestimmten Materialien oder Styles sucht und diese nicht angeboten bekommt, wird man unzufrieden, zumal die Kunden ja in den Medien gezeigt kriegen, was modisch angesagt ist. Wenn man dieses Angebot nicht bei den Lieferanten findet, muss man eigene Wege gehen. In den letzten Jahren haben wir immer wieder kleine Manufakturen und Label gefunden, die es klasse finden, dass wir Mode für den Plus Size Markt suchen und fordern. Einige von ihnen produzieren jetzt auch in kleinen Stückzahlen exklusiv für uns unter unserem Eigenlabel Kurvenhaus. Da haben wir jetzt zum Beispiel eine schöne Seidenblusen-Kollektion, die bei unseren Kundinnen sehr erfolgreich ist. Außerdem arbeiten wir mit zwei Kaschmir-Strickern zusammen, mit denen wir feine modische Kaschmirwaren produzieren.

Anna: Welche Angebote fehlen ihnen heute im Plus Size Bereich?

Cornelia Görz: Es fehlt der Mut zur Mode. Die Industrie macht Mode für große Größen. Wir machen hingegen Mode in großen Größen. Und das ist etwas völlig anderes. Schwierig finden wir es vor allem, Kleider für besondere Anlässe zu finden. Abendmode ist fast immer mit dünnen Trägern. Und viele Frauen – auch jüngere, unabhängig von der Kleidergröße – wollen ihren nackten Oberarm nicht gerne zeigen. Also suchen wir nach Kleidern mit Ärmel, oder passendem Oberteil.

Anna: Noch eine letzte Frage zum Schluss: Was erwartet uns im Plus Size Fashion Jahr 2016?

Cornelia Görz: Die Schnitte werden 2016 simpler und einfacher. Milchige, gepuderte Töne in rosé, hellblau und mintgrün sind besonders angesagt. Beliebt sind 2016 auch florale Drucke auf fließenden Materialien, die man sehr gut kombinieren kann. Bei Hosen sind nach wie vor Jeans und Röhrenhosen beliebt,´. Parallel gibt es aber schon Entwicklungen hin zu Marlene-Hosen und sehr geraden Leinenhosen, die besonders im Sommer sehr angenehm zu tragen sind. Auch gibt es 2016 viele Hosen in Zigarettenform, die zum Knöchel hin schmaler verlaufen und verkürzt sind. Das sieht vor allem im Sommer zu Sandaletten und Flip-Flops sehr schön aus. Ein anderer Trend ist die lange, ärmellose Weste, die auch gut als Blazer-Ersatz getragen werden kann. Diese Westen sind sehr wandlungsfähig. Im Herbst wird es sie auch noch in Daunen geben.

Bei Jeans geht der Trend zunehmend weg von starken Waschungen und destroyed Jeans hin zu gepflegter aussehenden, heilen Oberflächen. Wer ganz modisch sein möchte, kann sich auch an Schlaghosen in 7/8 Bootcut ausprobieren.

Anna: Ich sehe schon, das Modejahr 2016 wird spannend! Ich freue mich vor allem auf die pudrigen pastelligen Töne. Frau Görz, vielen Dank für das Interview und den spannenden Einblick hinter die Kulissen Ihrer Arbeit!

Anna

Gründerin anbou

Viele Jahre habe ich mit mir und meiner Figur gekämpft. Heute ist Plus-Size ein Teil von mir, zu dem ich offen stehe. Für schöne, feminine Mode habe ich schon immer eine große Schwäche gehabt. Ich liebe kräftige Rottöne, taillierte Kleider und weiche Pastelltöne. Mit anbou will ich andere Frauen dazu ermutigen, zu sich und ihrer Figur zu stehen. Schönheit kennt keine Größe! Ihr wollt mit mir in Kontakt treten? Schreibt mir einfach an peters@anbou.de.

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anbou - das sind wir: Najat und Anna, zwei waschechte Plus Size Ladys. Wir bloggen, recherchieren und kommentieren Themen, die kurvige Frauen bewegen - von Mode bis Karriere, von Body Positivity bis hin zu Beauty Tipps.