Gastbeitrag: Ein Leben mit Lipödem

Bloggerin und Journalistin Janina leidet unter einem Lipödem. Ihre ganz persönliche Geschichte hat sie für anbou zu Papier gebracht:

Kürzlich habe mit meiner Tochter mal wieder in den Fotobüchern der letzten Jahre geschmökert. Ausflüge, Familienfeste, Schnappschüsse des Alltags. Zwei Fotos sind mir dabei besonders ins Auge gefallen. Auf dem einen lehne ich an einer Mauer und blicke aufs Meer hinaus. Ich trage ein enges Top, einen glockigen Rock und kniehohe Stiefel. Auf dem anderen wandere ich in wadenlangen Jeans, T-Shirt und Trekkingsandalen durch eine Hügellandschaft. Man könnte meinen zwischen den beiden Aufnahmen lägen drei Jahre und zehn Kilo. In Wahrheit sind sie jedoch im gleichen Urlaub entstanden.

Jetzt ist es eine Sache, sich vorteilhaft anzuziehen: Nicht jedem steht pink, Querstreifen machen dick und Absätze strecken das Bein. Dass eine Hose mir 10 Kilo extra auf die Hüfte zaubert hat jedoch einen anderen Grund: Ich leide unter Lipödem – einer krankhaften Art der Fettverteilung, die vor allem Frauen ereilt und mit zunehmendem Alter fortschreitet. Wenn ich schreibe „leide“, so stimmt das nicht immer: In Rock und Stiefeln geht es mir damit sehr gut. Im Bikini weniger.

Das Lipödem macht sich bemerkbar

Es begann mit Anfang 20. War ich in meiner Jugendzeit noch eher zu dünn, machte sich im Laufe des Studiums erste Orangenhaut an Oberschenkel und Po bemerkbar. Um den Anfängen zu wehren und weil ich den günstigen Studententarif nutzen konnte, ging ich mit meiner besten Freundin ins Fitnessstudio. Ich wurde fitter und straffer und hatte sogar wider Erwarten Spaß an Stepper und Beinpresse.

Dann gab das alte Auto meiner Freundin den Geist auf und das Fitnessstudio rückte in unerreichbare Ferne. Und plötzlich begannen meine Oberschenkel wie von Zauberhand anzuschwellen. Meine letzte Stepper-Session lag nur wenige Wochen zurück, schon wurden meine Hosen eng. Es schien, als brächte ich jede Nacht ein Kilo mehr auf der Waage. Panisch lief ich in ein fußläufig erreichbares Studio, dass den Pölsterchen mittels rotierender Massagebänder und Infrarotkabine den Kampf ansagen sollte. Das Portemonnaie leerte sich, der Erfolg blieb aus.

Bikini in unterschiedlichen Größen

Alles wellte und dellte hüftabwärts, während mein Oberkörper dank schnell eingeleiteter FdH-Diät schlanker denn je schien. Neidisch starrte ich im Sommerurlaub 2001 auf die glatten braungebrannten Beine der Italienerinnen, die durchaus auch mal Größe 44 trugen, dabei aber frisch, drall und wunderbar aussahen. Während ich erst nach langem Suchen einen Bikini gefunden hatte, bei dem ich Ober- und Unterteil in unterschiedlichen Größen kombinieren konnte.

Foto: Lordn/ shutterstock.com
Beispiel-Foto: Lordn/ shutterstock.com

Zur Lipödem-Erkrankung gehören nämlich schlanke Oberkörper und Füße, während sich an den Beinen und gelegentlich auch in den Oberarmen Fett ablagert. Konkret bedeutet das: Schmale Schultern und breiter Hintern. Straffer Bauch und Knubbelknie. Zarte Hände und Füße, aber kräftige Fesseln, in denen sich gerne mal Wasser sammelt. Eine Oberweite, die wunderbar ohne BH auskommt, aber Reiterhosen, die mich immer wieder anecken lassen, weil ich mich auch nach zwanzig Jahren nicht an den Umfang gewöhnt habe. Ich kombiniere Oberteile in 36/38 mit Hosen in 42.

Auch das Hautbild variiert stark. Zart gebräunt, glatt und feinporig an den schlanken Stellen, blass, dellig und gerne mal von blauen Flecken verziert an den kräftigen. Denn auch die Neigung zu Hämatomen gehört zum Lipödem. Das habe ich nicht zuletzt auf schmerzhafte Weise erfahren, als ich vor einigen Jahren eine Anti-Zellulite-Creme per Massageroller auf meine Oberschenkel auftrug. Am nächsten Tag waren beide Beine mit kleinen Blutergüssen übersäht.

Hilfe gegen blaue Flecken

Erst kürzlich habe ich zumindest gegen die blauen Flecken ein gutes Mittel entdeckt. Dr. Google empfahl gleich nach einem Stoß eine Minute lang, den Finger auf die betroffene Körperstelle zu drücken. So verhindert man, dass das Blut sich an dieser Stelle verteilt. Erst wollte ich es nicht glauben, aber seit ich es so mache, habe ich keinen einzigen Bluterguss mehr gehabt.

Gegen das andere hat in all den Jahren nur eins geholfen: Untergewicht. In meiner Schwangerschaft musste ich wegen erhöhter Zuckerwerte Diät leben, was dazu führte, dass ich nach der Entbindung zehn Kilo weniger wog, als vor der Schwangerschaft. Mit 52 Kilo bei 172 cm Körpergröße konnte ich einige Monate lang sowohl oben, als auch unten 36/38 tragen. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich habe diese Zeit nicht genossen. Und ja, auch auf den Fotos gefalle ich mir sehr gut.

Meine Mutter sieht trotz Lipödem jung und dynamisch aus

Auf der anderen Seite bin ich keine Sportlerin, der Spaziergang mit dem Hund ist meine Bewegung. Hin und wieder versuche ich mich an einer Low Carb-Diät und verliere ein paar Pfunde, aber die wollen auch immer wieder zurück auf die Hüfte und ich liebe einfach Schokolade. Also versuche ich, mich ausgewogen zu ernähren und so mein Normalgewicht zu halten, trage zu besonderen Ereignissen Kleider in A-Linien-Form und einen Pareo, wenn ich ins Schwimmbad gehe.

Wie ich in 30 Jahren aussehen werde, kann ich an meiner Mutter erkennen, denn Lipödem ist nicht nur erblich, sondern schreitet kontinuierlich fort. Nichtsdestotrotz sieht meine Mutter mit ihren fast 67 Jahren jung und dynamisch aus. Ja, sie trägt Kleider, die bis zu den Knöcheln reichen und die Jeans tragen auf. Dennoch ist sie eine schöne, dynamische, jung gebliebene Frau. Und: Sie hat eine beneidenswert schlanke Taille!

 

Anna

Gründerin anbou

Viele Jahre habe ich mit mir und meiner Figur gekämpft. Heute ist Plus-Size ein Teil von mir, zu dem ich offen stehe. Für schöne, feminine Mode habe ich schon immer eine große Schwäche gehabt. Ich liebe kräftige Rottöne, taillierte Kleider und weiche Pastelltöne. Mit anbou will ich andere Frauen dazu ermutigen, zu sich und ihrer Figur zu stehen. Schönheit kennt keine Größe! Ihr wollt mit mir in Kontakt treten? Schreibt mir einfach an peters@anbou.de.

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