Darum habe ich einen 100.000 Euro Job abgelehnt

So wie ich sind viele Frauen meiner Generation hin- und hergerissen zwischen dem Drang nach beruflicher Selbstverwirklichung und dem sehnlichen Wunsch nach Mutterschaft. Doch egal, wie wir uns entscheiden, machen wir es falsch. Entweder werden wir Frauen als Karrierefrau oder Heimchen am Herd abgestempelt. Ein Aufruf für mehr Akzeptanz.

Foto: Stephanie Kunde
Fotografin: Stephanie Kunde

Mein Handy klingelte. Am anderen Ende der Leitung erklang die sympathische Stimme einer jungen Headhunterin aus Zürich. Wir kannten uns bereits aus dem Netz und ich wusste, um was es ging: einen lebensverändernden Job in der Schweiz, eine Führungsposition im Online-Marketing, 100.000 Euro Jahresgehalt. „Frau Peters, für die Stelle suchen wir schon seit Monaten jemanden mit Ihrem Profil. Sie sind die Erste, die perfekt passt.“ Ich fühlte mich geschmeichelt. „Ich würde Sie jetzt dem Kunden vorstellen. Nehmen Sie sich zwei Tage Bedenkzeit, ob Sie die Stelle annehmen würden.“

Nach dem Telefonat machte mein Ego einen Salto vor Freude. Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade erst drei Jahre aus der Uni raus und erst seit zwei Jahren im Online-Marketing. Dieser Job würde meine Karriere in den Turbogang versetzen. Ich sah mich für einen Moment im schicken Sportwagen zwischen Zürich und Bonn hin- und herpendeln, in Designerklamotten und mit einer coolen Zweitwohnung in der Schweiz. Das hatte was.

Wie viel Zeit bleibt mit Führungsposition für Kinder und Familie?

Aber lange konnte ich den inneren Ego-Trip nicht genießen. Denn dann meldete sich eine andere Seite in mir – die, die sich nach Familie und Muttersein sehnt: Wie will ich mit meinem fast 40-jährigen Partner eine Familie gründen, wenn ich unter der Woche in der Schweiz lebe und er im Rheinland? Wie viel Zeit bleibt bei einer Führungsposition noch, um seine Kinder aufwachsen zu sehen, um mit ihnen zu basteln, malen und zum Spielplatz zu gehen?

Kinder gehörten seit jeher zu meiner Lebensplanung. Ebenso wie ein Studium und ein spannender und fordernder Beruf. Früher habe ich gedacht, dass sich beides einfach vereinen lässt. Und die Gesellschaft suggeriert uns das ja auch. Wer heute als Mutter aus eigenem Antrieb seinen Beruf aufgibt oder Teilzeit arbeitet, wird – meist von anderen Frauen – als Heimchen am Herd mitleidig belächelt. Schließlich gibt es Väterzeit, Kitaplätze schon für die kleinsten Kinder, Ganztagsschulen. Und das bisschen Haushalt schafft man als Paar nach einem vollen Arbeitstag ganz easy und gleichberechtigt zusammen, wenn die Kinder ab 19 oder 20 Uhr im Bett liegen.

Wie möchten wir als Eltern sein?

Das 100.000 Euro Jobangebot hat mich und meinen Mann sehr zum Nachdenken gebracht. Was wollen wir? Wie wollen wir als Eltern sein? Reicht es mir, unsere Kinder nur noch zum Abendessen & Schlafengehen zu sehen – bzw. in meinem Fall auch nicht jeden Tag?

Für mich war die Antwort klar: Mir ist eine Familie und das Erleben von Muttersein wichtiger als ein Prestige-Job und Sportwagen. Und außerdem bin ich mit meiner Selbständigkeit und meinem Normalo-Gehalt ganz zufrieden. Also rief ich die Headhunterin an – und erklärte ihr meine Beweggründe abzusagen. Ihre Antwort schockte mich. Sie hatte null Verständnis, dass ich Familie & Partnerschaft vorzog. Sie sah mich als Heimchen am Herd. Und lies mich mit einem schlechten Gefühl zurück.

Anna Peters anbou
Fotografin: Stephanie Kunde

Vereinbarkeit Beruf und Familie – eine ganz persönliche Entscheidung

Warum verurteilen wir Frauen so schnell andere Frauen? Wenn ich auf sozialen Medien so lese, wie sich Frauen aufgrund ihrer Lebenseinstellungen gegenseitig runterziehen, muss ich den Kopf schütteln. Hier in Deutschland habe ich das Gefühl, dass man entweder zur Fraktion „Heimchen am Herd“ oder „Karrierefrau“ gehört. Das kann ich nicht nachvollziehen. Jeder Mensch ist anders, jeder wurde anders sozialisiert, hat andere Stärken und Schwächen.

Wenn sich eine Frau keine Kinder wünscht – dann ist das ihre Sache. Wenn eine Frau als Mutter richtig aufblüht und ihre Kinder erst mit 3 Jahren in die Kita gibt – dann ist das ihre Sache. Wenn eine Frau so organisiert und stark ist, dass sie einen Vollzeitjob und zwei Kinder managt ohne darunter zu leiden – dann ist das ihre Sache.

Liebe anbou-Leserinnen: Egal, wie ihr zu Beruf und Familie steht. Geht euren Weg, hört auf euer Bauchgefühl und lasst euch nicht durch gesellschaftliche Zwänge diktieren, was das beste für euch ist. Und zeigt Akzeptanz für die Frauen, die ihr Leben anders planen als ihr.

Anna

Gründerin anbou

Viele Jahre habe ich mit mir und meiner Figur gekämpft. Heute ist Plus-Size ein Teil von mir, zu dem ich offen stehe. Für schöne, feminine Mode habe ich schon immer eine große Schwäche gehabt. Ich liebe kräftige Rottöne, taillierte Kleider und weiche Pastelltöne. Mit anbou will ich andere Frauen dazu ermutigen, zu sich und ihrer Figur zu stehen. Schönheit kennt keine Größe! Ihr wollt mit mir in Kontakt treten? Schreibt mir einfach an peters@anbou.de.

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